5. November 2002
News Tibet, Summer 2002, Office of Tibet, New York, USA

Ein Appell aus Tibet

Der folgende Text ist eine Transkription und Übersetzung (ursprünglich vom Tibetische ins Englische) eines Tonbandes, das in den letzten Monaten aus Tibet erhalten wurde.

"Die chinesische Regierung hat ein Projekt initiiert, das als Entwicklungsprogramm für das westliche China (Western China Development Program/WCDP) bekannt ist. Medienberichte zitieren chinesische Führer, die behaupten, daß das Programm das Leben der Menschen revolutionieren und den städtischen Gebieten in Westchina beispiellosen Fortschritt bringen werde.

Das WCDP ist hauptsächlich auf Tibet zentriert. Die erste Phase dieses Programms beinhaltet den Bau einer Eisenbahnlinie nach Tibet. Ungeachtet der imposanten Neubauten in Städten und Vororten ist in der zweiten Phase des WCDP die Ausbeutung der tibetischen Mineralvorkommen und in der dritten die Steigerung der Umsiedlung von Chinesen nach Tibet das Wichtigste. Infolge des WCDP ist seit 2000 bereits die Zahl der chinesischen Zuwanderer nach Tibet so sehr angestiegen, daß dadurch die Lebensgrundlagen der Tibeter in Gefahr geraten. In allen Lebensbereichen sehen sich die Tibeter größeren Problemen als je zuvor gegenüber.

Jeder chinesische Beamte in Tibet besitzt mehrere Privatautos, jedes im Wert zwischen 50 000 und 70 000 Yuan. Öffentliche Gelder werden zweckentfremdet, um Parties in schicken Restaurants zufeiern, wo jeder Gang einer Mahlzeit 2 000 bis 3 000 Yuan kostet. Die Korruption ist ein weit verbreitetes Übel in höheren Beamtenkreisen. Der Luxus, den sich chinesische Offizielle leisten, würde die 'Drei großen Feudalherren' des alten Tibet lächerlich erscheinen lassen.

In den 1980ern, als der letzte Panchen Lama noch lebte, wurden wichtige Positionen auf Präfekturs- und Bezirksebene mit tibetischen Beamten besetzt, die extra dafür ausgebildet wurden. Seit 2000 nehmen Beamte, die nach dem Rotationsprinzip für die Dauer von drei bis vier Jahren direkt aus Peking geschickt werden, in immer größerem Ausmaß die Spitzenpositionen in der Verwaltung der Präfekturen und Distrikte ein.

Dieses Jahr gab die Regierung einen größeren Wechsel beim Verwaltungspersonal in Tibet mit der Begründung bekannt, daß die gegenwärtigen Regierungsbeamten für die Realisierung des WCDP nicht genügend qualifiziert seien. Das Ziel ist, alle tibetischen Beamten in Städten, Dörfern und Siedlungen durch chinesische Beamte zu ersetzen. In den letzten Jahren mußten wir mit ansehen, wie viele tibetische Beamte unter dem Vorwand, sie vernachlässigten ihre Pflichten, gefeuert wurden.

Während der vergangenen drei Jahre wurden neue restriktive Maßnahmen gegen den Unterricht in der tibetischen Sprache und anderen traditionellen Fächern ergriffen. Obwohl sie offiziell zum Lehrplan an Mittelschulen gehört, werden der tibetischen Sprache die wenigsten Stunden zugeteilt. Lehrbücher über Geschichte und andere genuin tibetische Themen werden aufs Sorgfältigste durchforstet, um Inhalte zu entfernen, die als der offiziellen Tibetpolitik zuwider betrachtet werden.

Außerdem wurde nicht ein einziger tibetischer Spieler ausgewählt, um China bei der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft zu vertreten. Als China in der ersten Runde ausschied, machte ein tibetischer Beamter in Peking die Bemerkung, daß die Chinesen nicht Fußball spielen könnten. Er wurde umgehend festgenommen und eine Woche lang unter Arrest verhört. Dieser Vorfall zeigt, daß den Tibetern überhaupt keine Freiheit mehr gelassen wird.

Peking herrscht jetzt schon über fünf Jahrzehnten in Tibet. Die ganze Zeit haben Seine Heiligkeit der Dalai Lama und andere tibetische Führungspersönlichkeiten sich um eine friedliche Lösung sowohl für Tibet als auch für China bemüht. In Tibet wird die Lage in Tibet jedoch immer schlechter. Die Tibeter leben jetzt in einer Art von Sklaverei, die nicht schlimmer sein könnte.

Während der Kulturrevolution wurden die meisten tibetischen Klöster und andere Kulturzentren zerstört. Als die Revolution vorbei war, waren nur noch wenige kulturelle Einrichtungen übrig. Daher wurden die Menschen ermuntert, für die Renovierung der Klöster Geld zu spenden. Jetzt erklärt China der Welt, daß seine Regierung für die Renovierung bezahlt habe. Als der zehnte Panchen Lama noch lebte, beherbergten die Klöster eine beträchtliche Anzahl an Nonnen und Mönchen. Jetzt sind nur sehr wenige Klöster übrig geblieben, und manche haben nur noch zwei oder drei Mönche oder Nonnen. Kurz gesagt haben die Nonnen und Mönche keine Freiheit, wenn sie in klösterlichen Einrichtungen leben. Im eklatanten Widerspruch zu der Propaganda Chinas hinsichtlich der Religionsfreiheit in Tibet unterliegen alle Formen spiritueller Praxis strengsten Restriktionen. Eine Reihe von Säuberungsaktionen hat im Laufe der Jahre nur 'patriotische' Mönche in den Leitungskomitees der Mönchs- und Nonnenklöster übrig gelassen.

Klöster dienen lediglich als Ausstellungsstücke für religiöse Freiheit. Wenn man genauer hinschaut, wird man erkennen, daß es spirituelle Praxis im eigentlichen Sinne des Wortes nicht mehr gibt. Viele Tibeter, die freiwillig für die Renovierung von Nonnen- und Mönchsklöstern gearbeitet und Geld gespendet hatten, wurden später verhaftet. Manche von ihnen wurden in die Armut getrieben, so daß sie nur noch mit größter Mühe überleben. Dieses Jahr wurden im Zusammenhang mit dem Kloster Ranak viele Leute unter Druck gesetzt. Die meisten der höheren Mönche des Klosters wurden hinter Gitter gebracht. Nun sind nur noch wenige der älteren Mönche übrig, um die jüngeren zu unterrichten und zu leiten.

Wirtschaftlich gesehen, führen Intellektuelle und Gelehrte ein gutes Leben. Aber es ist nicht selten, daß ganz normale Familien nicht genug Tsampa (geröstetes Gerstenmehl, das Grundnahrungsmittel der Tibeter) zu essen haben. Viele Familien haben nicht einmal 10 oder 15 Yuan, um Lebensmittel zu kaufen. Am härtesten trifft es natürlich die Alten und die Kranken. Sehr viele Bettler streifen durch die Straßen Lhasas und betteln die Vorübergehenden um etwas Tsampa an.

In den vergangenen Jahren hat Pekings Propagandamaschinerie die sogenannten Bemühungen der Regierung um den Schutz der Wälder Tibets nach außen hin immer wieder betont. Gleichzeitig schreitet jedoch die Abholzung in Kongpo und Dromo, die beide in Südtibet liegen, ungebremst fort. Die Rodung wird noch intensiviert werden, um den Bedarf des begonnenen Eisenbahnprojekts an Bauholz zu decken. Die chinesische Propaganda erwähnt auch den Schutz der Wildtiere. Tatsächlich sind jedoch viele Arten wilder Tiere beinahe ausgerottet.

Ungeachtet des riesigen Propagandarummels um das WCDP ist Chinas erklärtes Hauptziel die Ausbeutung der tibetischen Mineralvorkommen und der Transfer chinesischer Siedler nach Tibet, wodurch die Tibeter zu den untersten der Arbeitssklaven degradiert werden. Die Tibeter werden aus solch einem Bevölkerungstransfer keinen Nutzen ziehen. Die leichteren und besser bezahlten Jobs beim Eisenbahnprojekt werden bereits jetzt an Chinesen vergeben, während die härtesten und riskantesten niederen Arbeiten Tibetern zugeteilt werden. Positionen mit Entscheidungsgewalt, die Geld und Macht mit sich bringen, sind die ausschließlich die Domäne der Chinesen.

Heutzutage stellen die chinesischen Zuwanderer in den städtischen Gebieten Tibets die Mehrheit und haben oft den tibetischen Einwohnern ihre Arbeitsplätze und Geschäftsmöglichkeiten genommen. Durch solch ein verhängnisvolles Monopol auf dem Arbeitsmarkt bleibt den tibetischen Familien kaum genug Geld für Nahrungsmittel und ein Dach über dem Kopf. Auch können sich viele tibetische Eltern die hohen Gebühren nicht leisten, um ihre Kinder zur Schule zu schicken, denn sie bekommen nicht genug bezahlt, um davon leben zu können, obwohl sie oft die arbeitsintensivsten Jobs verrichten. Chinesische Siedler ziehen auf der anderen Seite größten Gewinn aus weniger anstrengenden Arbeitsplätzen. Der Tageslohn eines tibetischen Arbeiters beträgt zwischen 10 und 15 Yuan.

In den ländlichen Gebieten werden auf den Verkauf von Kaschmirwolle und Raupenpilzen erdrückende Steuern erhoben. Deshalb sind tibetische Nomaden gezwungen, diese Artikel auf dem schwarzen Markt zu verkaufen. Wenn die Behörden dies herausfinden, werden die 'Täter' mit einer hohen Geldstrafe belegt. Chinesische Händler transportieren hingegen eine Wagenladung mit Butter und Fleisch nach der anderen aus Tibet nach China, ohne auch nur einen Feng Steuern zu zahlen. Auf dem Rückweg bringen diese Händler dann minderwertige Konsumgüter, einschließlich verdorbener Medikamente, mit.

Kürzlich zogen sich ein paar Tibeter in vier chinesischen Restaurants Lebensmittelvergiftungen zu. Die Behörden machten überhaupt keine Anstalten, Nachforschungen anzustellen. Wenn sich ein Tibeter über die Restaurants beschwert, beschuldigen die Behörden ihn eines politischen Vergehens. Kurz gesagt, das tibetische Volk hat keine Meinungsfreiheit, ebenso wie ihm auch die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte vorenthalten werden.

Einer der häufig wiederholten offiziellen chinesischen Sätze ist der, daß Tibet vor der 'demokratischen Reform' extrem rückständig gewesen sei, und daß die 'Reform' der Region große Entwicklungsfortschritte gebracht habe. Die Wahrheit jedoch ist, daß das Leiden der Tibeter während der vergangenen fünf Jahrzehnte unter chinesischer Herrschaft in der Welt nicht seinesgleichen hat. Eine Rekordzahl von Tibetern ist verhungert und viele weitere sterben an anderen Formen der Unterdrückung. Die Zahl tibetischer Todesopfer unter chinesischer Herrschaft beträgt mehrere Hunderttausend. Was auch immer Peking der Welt erzählt, die Notlage der Tibeter ist der jener Menschen verwandt, die nahe bei Yama, dem Herrn des Todes, sitzen.

Kürzlich organisierte Peking ein großes Meeting zu Tibet. Dort wurde die "internationale Mammutkampagne zur Spaltung Chinas" durch die tibetische Regierung-im-Exil diskutiert, die - wie es bei dem Meeting hieß -, große Unterstützung aus dem Westen erhalte. Die Teilnehmer des Treffens beschlossen eine Publicity-Kampagne durchzuführen, um die 'wahre Lage' Tibets bekannt zu machen. In der Folge sandte die chinesische Regierung Ragdi, Legchog und andere tibetische Funktionäre ins Ausland, um Propaganda im Interesse Pekings zu betreiben. Obwohl viele tibetische Intellektuelle für Auslandsreisen ausgewählt werden, haben sie nicht die Freiheit, ihre wahren Gefühle auszudrücken. Sie können nur den allzu bekannten offiziellen Refrain rezitieren: 'Die Tibeter in Tibet sind glücklich' oder: 'Die Sonne des Glücks scheint auf Tibet, seit das feudale System abgeschafft worden ist' oder: 'Ohne die Hilfe des chinesischen Volkes wären die Tibeter niemals in der Lage sich zu entwickeln.'

Zum Schluß: Die Lage in Tibet wird täglich schlimmer! Im Namen des tibetischen Volkes bitte ich die Welt, uns zu Hilfe zu kommen, um Tibet vor der völligen Sinisierung zu retten".

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